Zweite Klasse

Ein Bekannter rang sich nach Jahren des Schmerzes dazu durch, eine dringend nötige Hüftoperation vornehmen zu lassen. Er hatte Angst, aber es war unumgänglich – ein Gelenk musste ausgetauscht werden. Als ihm eine mehrere Monate lange Wartefrist verordnet wurde, saß die Enttäuschung tief; aber es war halt doch auch ein bisschen die eigene Schuld, bis zu diesem Stadium der physischen Belastung gewartet zu haben. Dann ein Lichtblick: Ein Arzt meinte, bereits innerhalb weniger Tage einen Operationstermin ermöglichen zu können. Allerdings müssten dafür einige tausend Euro extra locker gemacht werden, Rechnung gebe es dafür keine. Der Deal kam nicht zustande: Mein Bekannter war finanziell nur durchschnittlich gesegnet. So hieß es abwarten bis zum Zeitpunkt X – an dem schließlich im Großen und Ganzen alles gut ging.
Immer wieder hört man von solchen Fällen, die man – würde nicht dann und wann im engeren Umfeld ähnliches erzählt – wohl gerne als Unmöglichkeit abtun würde. In einem Land, das so reich ist, in dem es doch allen so gut geht; in dem auch arme Menschen zumindest nicht ver(!)hungern.

Wir befinden uns, ausgelöst durch eine aktuelle Studie des Vereins für Konsumenteninformation (die man vollständig wohl nur als Abonnent der Zeitschrift „Konsument“ zu lesen bekommt), mitten ein einer Debatte über die österreichische „Zwei-Klassen-Medizin“: Patienten, die eine private Krankenversicherung eingezahlt haben, werden bei Operationsterminen bevorzugt behandelt; dazu kommt der oben genannte Zustand. Und wenn man mit Medizinern redet, hört man immer wieder seltsame Geschichten von Patienten (vor allem aus dem Ausland), die auf eigene Rechnung plötzlich für eine Organtransplantation auftauchen, ohne dass sie bisher auf irgendeiner Warteliste zu finden gewesen wären.

Eigentlich debattiert aber wieder einmal nur das Volk, berichten halt einige Medien; und eigentlich hörte man als politischen Aufschrei nicht mehr, als dass der zuständige Minister diese längst bekannten Zustände im Gesundheitssystem endlich einmal als „Sauerei“ bezeichnet habe. Die Politik befindet sich nämlich eigentlich in Sommerpause; einzig der Kanzler rang sich zu (mindestens) einem Inserat in einer U-Bahn-Zeitung durch, in dem irgendetwas von der wundersamen Abschaffung dieses Zwei-Klassen-Systems durch seine Wenigkeit zu lesen war.

Derweil gibt es schon die ersten Versuche, auch dieses Thema in eine „Neiddebatte“ umzudeuten – wie es bereits bei der Einführung der Mindestsicherung und der Transparenzdatenbank („soziale Hängematte“), dem Eindämmen von zu Lasten einfacher Dienstnehmer gehender Manager-/Banker-Boni sowie der Diskussion um die Vermögenssteuer der Fall war.

So werden im Kurier nun Parallelen zwischen privat versicherten Patienten und Eltern konstruiert, die ihre Kinder in Privatschulen schicken. Es werden Empfänger von Pensionen, die über dem monatlichen Mindestbetrag liegen, zum Vergleich hergenommen. Und es werden private Fluggesellschaften, die ÖBB und die Post mit ihren (wenigen) Upgrade-Angeboten hergenommen, die im Sinne der Zwei-Klassen-Kritiker – so der Kommentar im Kurier – künftig wohl auch durch die „Holzklasse“ für alle ersetzt werden sollten. Und am Ende wird die Empörung ob der dauerhaften Bevorzugung von Menschen, die auf ein bereits gebühren- und steuerfinanziertes System halt noch etwas drauflegen, eingedampft auf die angebliche Sehnsucht der Gesellschaft nach absoluter individueller „Gleichheit“. Um schließlich das Gespenst des Kommunismus los zu lassen.

In Wahrheit besteht natürlich in keinem der konstruierten Beispiele die Gefahr, dass jenen etwas genommen wird, die dafür bereits (wie viel auch immer) bezahlt haben: Wer sein ÖBB-Erste-Klasse-Ticket hat, fühlt sich durch den Zweite-Klasse-Fahrer nicht beeinträchtigt; wer Business reist, wird nicht später in New York landen als der Economy-Flieger – oder gar umgekehrt. Es geht auch in keinem dieser Fälle darum, dass Menschen tage-, wochen- oder monatelang Schmerzen ertragen müssen, die ihnen erspart blieben, wenn sie finanziell besser gestellt wären. Und selbst in der Privat-Patienten-Debatte geht es nicht darum, diesen ihren „Mehrwert“ zu nehmen: Wer ein schöneres, größeres Zimmer für sich allein will, bekommt das weiterhin; wer seinen Arzt wählen will: soll sein. Nur eins ist nicht mit drin im Deal: Dass das Leben desjenigen, der mehr Geld auf der hohen Kante hat, mehr wert sein darf, und der Schmerz des anderen weniger schwer liegt und dessen Not auf die Wartebank geschoben wird, obwohl es Ressourcen gibt. Dafür – und das ist okay – sind die privaten Krankenanstalten da.

Zugespitzt formuliert herrscht derzeit aber der folgende Zustand: Es gibt von uns allen steuerlich finanzierte Ressourcen für eine OP, aber geholfen wird dem, der privat über Tarif zahlt.

Ich halte deshalb fest: Wenn der Vorteil des einen den Nachteil des anderen bedeutet, darf gesellschaftlich interveniert werden.

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Ein Gedanke zu “Zweite Klasse

  1. Seit langem beschäftige ich mich mit diesem Thema der Zwei Klassen Gesellschaft so wie mit der Sozialen Ungerechtigkeit. Im Behindertenbereich bin ich seit 10 Jahren tätig und da ist es genauso der fall… wer Kohle hat bekommt mehr Service oder eine bessere Operation oder ein besseren Rollstuhl oder bekommt sogar sofort oder gleich gestern einen Rollstuhl… wer kein Geld hat kann warten und ewig und drei Tage in einem zu kleinen Rollstuhl sitzen. Es ist echt traurig.

    Mein Partner beschäftigt sich ebenfalls seit langem damit und versucht sich sogar dagegen einzusetzen mit einem Blog und einer Gruppe die sich „solidarisch gsund“ nennt. hier der link dazu http://solidarischgsund.org/

    Was ich mich immer wieder frage: Wie könnte man dieses Zwei Klassen System und die Ungerechte Verteilung verändern?

    Su

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