Wenn dermaßen heftig und über die Landesgrenzen hinaus auf einen Vorschlag reagiert wird, wie es seit Montag im Fall des fleischfreien Tages passiert, den die Grünen in Deutschland für (öffentliche) Kantinen propagieren, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir mitten in einer sehr verkürzten Debatte stecken.

Was ist geschehen?

Ausgehend von Berichten der Bild-Zeitung (vgl. hier und hier), wonach sowohl die Grüne Spitzenkandidatin zur anstehenden Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt, als auch deren Fraktionsvorsitzende Renate Künast einen solchen fleischfreien (Donners-) Tag forderten, ging es auf den klassischen, Social und „New“ Media-Kanälen rund: Auf Twitter überschlugen sich die Pros und Contras, es war (auch in Österreich, wo VertreterInnen der grünen Schwesterpartei Stellung nehmen mussten) bald von drohenden Zwängen und Verboten die Rede. Ein Bundestagsabgeordneter der FDP verstieg sich sogar zu einem Nazivergleich: das volle Programm also.

Probleme des Fleischkonsums

Übermäßiger Fleischkonsum geht – und an dieser Stelle ist etwas auszuholen – zumindest in unserer so genannten westlichen Gesellschaft oft mit einer unausgewogenen Ernährung einher. Immerhin ist das Fleisch am Teller nicht selten als größter Teil der Mahlzeit definiert; der (auch nicht immer kleine) Rest ist Beilage: Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln und buntem Gemüse, Cevapcici mit Pommes und Zwiebelgarnitur, Eisbein mit Sauerkraut, Stelze mit Bier – wobei sich beim letzten Beispiel die Gewichtung mitunter doch verschiebt. Eine unausgewogene Ernährung wiederum führt – knapp formuliert – zu Übergewicht und/oder Mangelerscheinungen, jedenfalls aber zu (körperlichem) Unbehagen, manchmal gar Krankheit (auch wenn dabei nicht selten weitere Faktoren zu berücksichtigen sind).

So weit, so gut, so bekannt: Die Auswirkungen der Fleischproduktion auf die Umwelt und die moralischen Bedenken der industrialisierten Tieraufzucht und -schlachtung spielen an dieser Stelle für viele Menschen schon gar keine Rolle mehr.

Der/die durchschnittliche BürgerIn – wenn man die Debatten in den (Social-) Media-Kanälen überhaupt auf diese/n „runter rechnen“ darf! – fürchtet sich also nach der gar nicht existenten grünen Veggie-Drohung vor einer Einschränkung der persönlichen Freiheit, ungeheuerlichen Bevormundungen am Küchentisch oder gar einer Gesellschaft des Zwangsvegetarismus: Ein Szenario, mit dem übrigens die Österreichische Volkspartei schon in früheren Jahren vor einem Regierungseintritt der hiesigen Grünen gewarnt hat (vgl. etwa den letzten Absatz in diesem Artikel der Presse.com aus 2006.

Fleischfreier Tag: eigentlich ein sehr alter Hut

Ein fixer fleischfreier Tag ist ja nun in vielen Betriebskantinen oder auch Krankenhäusern sowie z.B. einer großen Zahl katholisch geprägter Haushalte nichts Besonderes – selbst, wenn an besagten Freitagen dann vielfach auf Fisch ausgewichen wird. (Dazu ist wiederum 1. anzumerken, dass die katholische Kirche in früheren Zeiten angeblich Biber und Otter zu Fischen erklärte, um deren Verzehr in damals gänzlich fleischfreien Fastenzeiten zu ermöglichen; mir persönlich ist 2. vor Jahren eine junge Frau begegnet, die – neben regelmäßigen Bädern in Stutenmilch – erwähnte, überzeugte Vegetarierin zu sein, nur eben halt doch Fische zu essen: Diese seien nämlich, da sie ja kein Gehirn hätten, eigentlich mehr so was wie Pflanzen. Nun ja.)

Einen fleischfreien Tag, an dem es ausnahmsweise keinen Fisch gibt, können sich demnach wohl die meisten Menschen unschwer vorstellen – der Schmerz beginnt dann für viele wohl mit dem v-Wort, insbesondere wenn dieses auf -egetarisch endet.

Um ein Bekenntnis einzustreuen: Vegetarische Alternativen in ansonsten auf Fleischgerichte spezialisierten Lokalen und/oder Kantinen schmecken nur all zu oft eher besch… eiden. Am besten scheinen diesen Mangel – sei’s an Leidenschaft, sei’s an Fantasie oder schlicht an guten Rezepten – noch die asiatischen Köche überspielen zu können, doch hier kann ich nur auf einen schmalen eigenen Erfahrungsschatz zurück greifen.

Der Ansatz der (deutschen) Grünen darf sich also – sollte es je zum bundesweiten Versuch kommen – nicht auf ein reines Streichen des Fleisches aus den Tagesmenüs beschränken, sondern muss sich mit der Mentalität, den jeweiligen Kantinenbudgets (Fleisch ist billig!), den Fähigkeiten der KöchInnen und nicht zuletzt auch mit den Geschmäckern und Gewohnheiten der KonsumentInnen auseinander setzen. Ist alles machbar, nur eben nicht in einen eleganten, kurzen Sager zu packen – den es dazu, wie gesagt, nicht gibt.

Insofern wäre eine seriöse Debatte dieses Themas durchaus wünschenswert. Die Menschheit hat auch vermeintlich Schlimmeres überstanden.

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