Tag 25: Type O Negative

Eine Platte, mit der ich mein Kind nerve: Type O Negative – Bloody Kisses (1993)

So ganz genau bring ich’s wohl nicht mehr zusammen, aber ich bin mir doch fast sicher, dass Loudon Wainwright III ihr erster Kontakt zur Pop-Musik war. Natürlich könnte man argumentieren, dass im Kreißsaal Bob Marley und Papermoon liefen – auch kein schlechter Einstand! –, aber so richtig aufmerksam war die kleine Maus, damals quasi erst halbgeboren, in diesen Stunden sicher nicht. Die hatte wahrlich Wichtigeres zu tun als ihre kleinen Lauscher aufzustellen und den Klängen des Redemption Song oder von Tell Me A Poem zu frönen.

Also dann Wainwright, aber bitte richtig: Nicht den etwas öden Sohnemann Rufus, nicht die leicht verschrobene Tochter Martha. Kurz vor ihrer Geburt hatten wir den Film Beim ersten Mal im Kino gesehen (Originaltitel: Knocked Up), zu dem Loudon Wainwright III den Soundtrack beigesteuert hatte (Albumtitel: Strange Weirdos), welcher rasch, nachdem unsere Tochter angekommen war, in unserer Plattensammlung auftauchte. Dies kam nicht von ungefähr, denn der Refrain des Songs Daughter hatte sich mit den folgenden Textzeilen tief in unsere Gehirne gebrannt:

That’s my daughter in the water
everything she owns I bought her
Everything she owns.
That’s my daughter in the water,
everything she knows I taught her.
Everything she knows.

Aber auch Tracks  wie Grey In L.A. und X Or Y passten wunderbar in die erste Zeit der jungen Elternschaft, und untermalten die wunderbaren Stunden mit dem neuen Menschlein, dem wir den Namen Mira Eleni gegeben hatten, sehr passend. Von Wainwrights Daughter war es nicht weit zu Pearl Jams Daughter, das ich ihr zu Beginn selbst immer wieder leise ins Ohr säuselte:

Don’t call me daughter, not fit to
The picture kept will remind me.

PJ-Sänger Eddie Vedder brachte in jenen Tagen – es war der September des Jahres 2007 – sein Solo-Debüt heraus, das natürlich auch ein Pflichtkauf war, dem speziell meine Wenigkeit seit Monaten entgegen gefiebert hatte. Der Soundtrack Into The Wild zum gleichnamigen Film, den wir erst mehr als zwei Jahre später sehen sollten (und den ich leider etwas überbewertet fand!), war die perfekte Ergänzung zur Wainwright-Platte: Ähnlich ruhig, ähnlich süße Melodien, wenngleich Vedders Album, wie wir bald merkten, eine weitaus längere Halbwertszeit aufwies.

Erste wirkliche Reaktionen zeigte Mira jedoch erst auf Around The Sun, das damals aktuelle Album von R.E.M. – nicht deren bestes (um Himmels Willen!), aber es finden sich doch ein paar tolle, vor allem aber sehr ruhige Nummern drauf. Ich legte die CD erstmals aus Verzweiflung auf, weil Mira im dritten Monat ihres irdischen Daseins ernsthaft unsere Nachtruhe zu gefährden begann. Heute erinnere ich mich an viele, viele Nächte, in denen die Wunderlösung angewandt wurde: Die ersten drei Songs der R.E.M.-Platte (Leaving New York, Electron Blue, The Outsiders) brachten das Kind garantiert zum Einschlafen. Natürlich ging uns Eltern das Album nach kurzer Zeit wahnsinnig auf den Keks, aber was nützte es? Wir hielten durch. Und R.E.M. gehören ja eigentlich auch zu den wirklich Guten, denen man einiges verzeihen kann.

In den nächsten Monaten verwöhnten wir unsere Tochter mit der Musik von Cat Stevens, Bob Dylan und Neil Young, aber auch den Beatles, Morcheeba und Beck, und ich konnte sogar nachmittägliche Einschlaferfolge mit Soulwax verbuchen (Compute: der Rhythmus macht’s!), aber dann war plötzlich Schluss. Mira hatte nämlich eine Bernhard-Fibich-CD bekommen, und der sympathische Kinderliedermacher aus Niederösterreich sollte für lange Zeit zu ihrem Lieblingskünstler werden. Für uns eine harte Zeit – nicht etwa, weil die Kindermucke so unhörbar gewesen wäre, sondern weil bei jedem (wirklich JEDEM!) Versuch, einmal Musik für uns aufzulegen, sofort der Schrei ertönte: „Ich will Bernhard Fibich hören“, gefolgt von Song-Wünschen wie G’schamster Diener, Dschungelband oder Turnen ist gesund, die sie nach Aufforderung gerne auch zum Herzerweichen schön selbst interpretierte.

Die nächsten Erfolge in Richtung musikalischer Resozialisierung verbuchte ich im Sommer 2009, kurz vor Miras zweitem Geburtstag. Pearl Jam hatten einen neuen Song, The Fixer, der dem Kind wirklich, wirklich gut gefiel. Wahrscheinlich lag es am Refrain, der mit ausufernden „Yeah, yeah – yeah, yeah“-Rufen ausgeschmückt ist, was mich kurz (wirklich nur ganz kurz!) darüber nachdenken ließ, ob ich es vielleicht schon bald mit White Zombie versuchen könnte – immerhin die Band mit den wohl meisten Yeahs der Musikgeschichte.

The Fixer, aber auch das dazu gehörige Album Backspacer, war endlich wieder Musik, die der ganzen Familie zu 100 Prozent gefiel. Ab und an legte ich auch die neue Dinosaur Jr auf (Farm), was von Mutter und Tochter leidlich toleriert wurde – letztere faszinierte vor allem die Tatsache, dass jetzt immer öfter die großen schwarzen Scheiben zum Einsatz kamen, die man in den ersten Lebensmonaten wohlwissend vor ihr versteckt gehalten hatte.

Manche werden jetzt aufstöhnen, andere werden herzlich lachen, aber Run DMC ist eine Band, mit der man kleine Kinder wirklich gut unterhalten kann. Mira war etwa zweieinviertel Jahre alt, als Walk This Way und Tricky unser Wohnzimmer eroberten. Der „Chickenwalk“, den die kleine Lady dazu hinlegte, sucht wohl noch lange Seinesgleichen! Zu eben jener Zeit kam auch das schwarze Album von AC/DC auf den Plattenteller: Zu You Shook Me All Night Long hüpfte sie begeistert und mit der Plattenhülle als Mütze in der Wohnung auf und ab. Die Beatles kannte sie mittlerweile so gut, dass sie die Namen Paul, John, George und Ringo zumindest am Cover der roten bzw. blauen LP korrekt zuordnen konnte. Ja, ich weiß: Angeberei.

Womit ich sie aber – um den Kern des Themas zumindest zu streifen – zuletzt genervt habe, war Bloody Kisses von Type O Negative. Mir ist klar, dass dieses Album zum Teil nur gegen Altersnachweis (Ab 18 – die Ärzte lassen grüßen!) abgegeben worden ist, aber diese Zeiten sind 1.) schon etwas länger her, und mein kleines Wunderkind kann 2.) ganz ehrlich noch nicht englisch. Kürzlich hatte ich also Lust auf Hammersongs wie Christian Woman (allein für die Textzeile „Jesus Christ looks like me“ gebührt dem im April verstorbenen Peter Steele schon ein Platz im Rock-Olymp!), Black No. 1 und We Hate Everyone. Ich bekam aber recht schnell eins vor die Nase, als Mira trotz dezenter Lautstärke den Kopf hob, mich ansah und ruhig sagte: „Papi, diese Musik gefällt mir ur gar nicht!“ Seither besteht sie wieder öfter auf Hr. Fibich. Selber schuld, Alter!

Über den Autor: (mad) gehört dieser Blog.

Type O Negative: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

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