Smells Like Latino Spirit

Ein Urteil nach nur einem Tag, darf man das? Ich sage: ja. Immerhin habe ich eine 20-jährige Geschichte zusammen mit den Red Hot Chili Peppers (RHCP). Ich erinnere mich gut an die Faszination, die der erste mir zu Ohren gekommene Chili-Peppers-Song Under the Bridge 1991/92 auf mich ausgeübt hat. Der Video-Clip gehörte zu den Dauerbrennern der ORF-Jugendsendung X-Large, und RHCP-Sänger Anthony Kiedis klärte abwechselnd mit anderen Weltstars in den damals aktuellen DoRo-Clips über die Gefahren von Aids und den Gebrauch von Kondomen auf („groß, geil und bunt“). Ich war zwölf, und gemeinsam mit Ugly Kid Joe, R.E.M., Metallica und Nirvana gehörten die Red Hot Chili Peppers zu den ersten Bands, deren Poster meine Schlafzimmerwand zierten.

Das zugehörige Album Blood Sugar Sex Magik (BSSM), dessen genialster Track Give It Away noch heute so was wie der Chili-Peppers-Song schlechthin ist, konnte ich mir damals nicht leisten und hörte es erst viele Jahre später in voller Länge. Fluch und Segen des Lebens ohne Internet… Der wirkliche Einstieg ins Chiliversum folgte 1995, als ich mir gleich nach dem Erscheinen von One Hot Minute (OHM) eine Kopie des bis dato härtesten (und insgesamt wohl coolsten) Albums der Band ziehen konnte. Auf Kassette, versteht sich.

Es ist dieses (nach dem ersten Ausstieg von John Frusciante mit Gitarrist Dave Navarro eingespielte) Album vielleicht nicht ihre beste Platte, wie ich sehr lange glaubte – damit wären wir wieder bei BSSM, wenngleich die Entscheidung wirklich schwer fällt –, aber wohl eine ihrer stilistisch abwechslungsreichsten. Und das will etwas heißen für eine Truppe, die seit Mitte der 80er-Jahre Rock, Funk, Jazz, Rap und was weiß ich noch alles zusammen mischte. Ein der Angebeteten zugedachtes Mix-Tape Mitte der 90er-Jahre kam jedenfalls nur schwer ohne My Friends aus, das medial als würdiger Nachfolger von Under the Bridge gehandelt wurde. Wie sein Vorgänger ist OHM jedenfalls eine Platte, die auch 2011 noch modern (nicht:„zeitlos“!) klingt.

1999 dann – wieder vereint mit Frusciante – der ultimative Durchbruch: Füllten die RHCP schon seit gut einem Jahrzehnt riesige Stadien, so konnte der geneigte Fan nun auch seine Eltern endlich für den Sound der Band begeistern. Dafür sorgten Songs wie Otherside, Scar Tissue, Easily und – natürlich – der seit langem totgenudelte Titelsong des neuen Albums Californication. Es war sicher nicht nur für mich die Platte jenes Sommers (welche ich daraufhin, weil die Musik fest mit einer unglücklichen Liebschaft verknüpft ist, jedoch viele Jahre nicht mehr hören konnte). Es war dies aber zugleich auch die Blaupause für den „neuen“ Chili-Peppers-Sound: Weniger Funk, weniger Stilmix, mehr Balladen. Stagnation auf hohem musikalisch-technischem Niveau.

Die nachfolgenden Platten By The Way (2002) und das Doppelalbum Stadium Arcadium (2006) hätten getrost als „Californication 2“ und „Californication 3“ erscheinen können. Im Gegensatz zum „Original“ wurden diese zwei Werke jedoch über weite Strecken mit zweitklassigem Material angefüllt. Vereinzelte Perlen wie Can’t Stop oder das wirklich wunderbare Especially In Michigan konnten den Karren nicht mehr aus dem Dreck ziehen: Die Musik der Peppers war allenfalls „nett“ geworden. Mit ihrer Live-Performance Ende 2006 in der Wiener Stadthalle führten sie sich in der Folge auch als trauriger, unmotivierter, schlecht abgemischter und alberner Haufen entsprechend selbst vor. Da war die Luft so was von draußen…

Umso überraschender die Rückkehr 2011: Ja, es hatte etwas geschehen müssen. Dass es der erneute Ausstieg John Frusciantes war, überraschte sicher viele Fans; mich erfüllte diese Nachricht vor allem mit Hoffnung – siehe das großartige One Hot Minute. Und in der Tat scheint der junge Josh Klinghoffer den restlichen Chili-Schoten Chad Smith (Drums), Flea (Bass) und Kiedis in den Hintern getreten zu haben.

Der tolle erste Track Monarchy of Roses erinnert zu Beginn an eine perfekte Zusammenführung des OHM-Openers Warped mit Around The World, dem Eröffnungsstück auf Californication. Gemeinsam mit dem folgenden Factory of Faith bringt der Song etwas vom Funk der frühen 90er-Jahre zurück. Man darf sich an BSSM erinnert fühlen. Brendan’s Death Song soll wohl den Spagat zwischen Under The Bridge, My Friends und Californication schaffen, nervt jedoch ab der Hälfte durch den viel zu großzügigen Schlagzeug-Einsatz. Ethiopia und Annie Wants a Baby sind ebenfalls keine große Offenbarung, bestehen aber dennoch gegen vieles, was die Chili Peppers des vergangenen Jahrzehnts ausmachte. Look Around – gesangstechnisch leicht neben der Spur – und die erst im Albumkontext richtig funktionierende erste Single The Adventures of Rain Dance Maggie treiben die Wertung wieder etwas nach oben. Hier macht Chad Smith wieder einiges gut (Kuhglocke!).

Did I Let You Know gewinnt durch gewagten Bläsereinsatz und eröffnet die zweite Hälfte des 14 Tracks umfassenden I’m With You mit Salsa-Feeling. Auch Goodbye Hooray und Happiness Loves Company können ihr Latin(o)-Erbe nicht bestreiten – eine interessante Seite dieser Band, und eine erste Bestätigung der stilistischen Zweiteilung dieser Platte. Police Station gehört wieder zu den schwächeren Kompositionen, und bei Even You Brutus? wird sich der eine oder andere Hörer ratlos an Santana und Prince („Ooooh!“) erinnert fühlen: Definitiv ein Gewinn für die Platte, mit dem sie auch ein sehr gutes Ende gefunden hätte. Meet Me At The Corner pflegt die Langeweile, und Dance, Dance, Dance erinnert im Refrain an Jesus Doesn’t Want Me For A Sunbeam, den vor allem durch Nirvanas Cover bekannten David-Bowie-Song. Überflüssig.

Fazit: Solides Pop-Album, das über weite Strecken auch unter dem Band-Namen „Red Hot Salsa Peppers“ funktionieren würde; sicher jedoch ihre beste Platte seit der Jahrtausendwende, die bei mir dennoch nicht auf Heavy-Rotation laufen wird. Mit Klinghoffer, das kann noch was werden! Spätgeborene Liebhaber der 90er-Jahre-Peppers hören sich aber dennoch besser in deren 80er-Jahre-Zeugs ein, wenn’s was „Neues“ sein soll. Denn I’m With You wird eher früher als später auch von unseren Müttern entdeckt werden.

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