Lesezeit!

In der Tat: So viel Lesezeit war lange nicht mehr, weshalb ich hiermit ein paar literarische Empfehlungen kundtun möchte…

Maureen Gibbon – Thief
Suzanne, eine Englischlehrerin Anfang 30, nimmt sich eine Auszeit und verbringt den Sommer in einer abgeschiedenen Hütte im Wald. So richtig abschalten kann sie jedoch nicht und gibt ein Zeitungsinserat an, in dem sie sich nach einem „Great kisser, good listener“ sehnt. Es folgen einige Zuschriften, von denen sich jene des Gefängnisinsassen Alpha Breville als zugleich interessanteste und lächerlichste darstellt. Nach und nach vertieft sich die Beziehung der beiden, Suzanne besucht in mehrfach, sie malen sich eine gemeinsame Zukunft aus, die es auf Basis der zwar nicht gemeinsamen, aber auf einem gleichen Erlebnis ruhenden Vergangenheit eigentlich nicht geben könnte: Suzanne wurde mit 16 Jahren vergewaltigt – Alpha Breville hat gerade Mal die Hälfte seiner 14-jährigen Haftstrafe wegen Vergewaltigung abgesessen. Dies allein ergäbe schon eine spannende Geschichte, aber Maureen Gibbon reicht das nicht: Sie lässt Suzanne gleichzeitig mit der Frage kämpfen, inwiefern das schreckliche Jugenderlebnis hätte verhindert werden können, und ob sie gar selbst eine Schuld daran trägt… An dunklen Offenbarungen lässt es die Autorin dann bis zur letzten Seite dieses wirklich extrem spannenden Buches nicht mangeln. Hart wie Bukowski und Palahniuk zusammen, stilistisch aber auf einem völlig anderen, besseren Niveau – ein Mann könnte sowas wohl nicht schreiben.

Emily Walton – Mein Leben ist ein Senfglas
Poppy Simmons, gebürtige Engländerin, verschlägt es als kleines Mädchen nach Salzburg. Der Kulturschock ist enorm – trotzdem ihre deutsche Mutter vieles abfängt –, macht aber nicht nur Poppy selbst, sondern vor allem ihrem Umfeld zu schaffen.  In zwölf Episoden schildert Emily Walton, selbst 1984 in Oxford geboren und 1992 in Österreich gestrandet, eine meistens witzige, oft ernste und manchmal traurige, jedenfalls aber vor Leben strahlende Geschichte des Erwachsenwerdens. Ein gelungenes Debüt, das langsam aber stetig, nicht zuletzt aufgrund der bemerkenswert einfachen, aber wirkungsvollen Marketingstrategie via Social-Media-Kanäle und Mundpropaganda, an die Spitze der heimischen Bücherverkaufscharts wandert – und zugleich bereits in wenigen Wochen zum KritikerInnen-Liebling geworden ist. Beides absolut verdient!

Emma Donoghue – Raum
Man könnte bösartig sein und feststellen, dass „Raum“ das Titanic-Klischee der typisch österreichischen Familie beschreibt; es ist jedenfalls vorstellbar, dass die Geschichte zumindest am Rande von Fällen wie der Entführung Natascha Kampusch‘ und jenem des Amstettener Josef F. inspiriert ist. Es geht um einen kleinen Jungen, Jack, der in seinem kurzen Leben – er feiert zu Beginn des Romans seinen fünften Geburtstag – nur „Raum“ (ohne Artikel) als seine Umwelt kennen gelernt hat. Manches, was über „Raum“ hinaus geht, kennt er aus dem Fernsehen, hält das aber nur für erfundene Geschichten – so machte es ihm seine Mutter weis. Jack fühlt sich wohl bei ihr, hat durchaus Spaß auf den paar Quadratmetern seiner Lebenswelt – einzig, wenn alle paar Tage Besuch in der Person von „Old Nick“ kommt, flüchtet er sich in „Schrank“. Es handelt sich bei dem Kerl, den er stets fasziniert beobachtet, um – Jack kann keine Vorstellung davon haben – den Entführer seiner Mutter, der sie seit gut sieben Jahren in einem Gartenhäuschen gefangen hält. Jacks Mutter hat sich mit der Situation arrangiert, in erster Linie, um ihr Kind nicht zu gefährden. Als sie jedoch, in einem Nebensatz nur, ein neues Detail aus Old Nicks Leben erfährt, muss sie handeln – und entwickelt einen so genialen wie das Leben ihres Kindes in Frage stellenden Fluchtplan.
Trotz dieser düsteren Ausgangsbasis handelt es sich bei „Raum“ um ein herrlich schönes, das Leben an sich bejahendes Buch, in dem weniger Jacks Angst vor dem Entführer als seine Neugier auf dessen Welt eine Rolle spielt. Einer der bemerkenswertesten Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Wer Kinder hat, wird noch deutlich besser mitfiebern können…

Eva Hornung – Dog Boy
Dieses Buch habe ich einem Freund zu Weihnachten geschenkt, der es mir nach kurzer Zeit etwas verlegen zurückgab: Es entspreche so überhaupt nicht dem, was er sonst lese. Vor einigen Tagen nahm ich es endlich zur Hand und konnte es kaum mehr weglegen. Die einerseits unglaubwürdig anmutende und andererseits stark an „Mogli“ aus Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ erinnernde Story dreht sich – einmal mehr – um einen kleinen Jungen. Romotschka lebt in Moskau um die jüngste Jahrtausendwende; seine Mutter ist seit kurzer Zeit verschwunden, und der vierjährige lebt bei seinem Onkel – der eines Tages ebenfalls von zu Hause fern bleibt. Nach gut einer Woche, in der der Bub sich mehr schlecht als recht an den wenigen Lebensmitteln im Kühlschrank und der Speisekammer labt, verlässt er die Wohnung und wird wenig später von einem Rudel wilder Hunde „adoptiert“. Romotschka wird sich nach kurzer Zeit nicht nur wie ein Hund bewegen und benehmen, sondern wird tatsächlich ein Hund sein – in jeder Hinsicht, beginnend mit dem Markieren seines Territoriums mittels Urin und Kotspuren bis hin zum Jagen und Verspeisen von Hühnern und Pfauen, Ratten und Katzen, was, nachdem er von der Hundemutter gesäugt und von deren Welpen als Bruder akzeptiert worden ist, nur selbstverständlich scheint. Natürlich richtet sich nach und nach das Auge der Öffentlichkeit – Polizei, Medien und Forschung – auf den „Hundejungen“, der immer öfter gemeinsam mit seiner „Familie“ auf Raubzügen beobachtet wird. Wie sich ein solches Leben entwickeln und sogar zu einem glücklichen Leben werden kann, das beschreibt Eva Hornung auf knapp 330 fesselnden Seiten.

Margaux Fragoso – Tiger, Tiger
Die Autorin beschreibt ihr eigenes Leben, es handelt sich um einen autobiographischen Dokuroman, wie es im Klappentext heißt. Im Alter von sieben Jahren lernt Margaux im Schwimmbad einen Mann kennen, den 51-Jährigen Peter. Sie freundet sich mit ihm an, genauso wie ihre Mutter, die in Peter v.a. einen bewundernswerten Vater seiner (Stief-)Kinder zu erkennen vermag. In der Folge entwickelt sich die Freundschaft zu etwas, das Margaux als Liebe beschreibt – welche bald nicht mehr nur platonisch ist – und bis in die Zeit ihres Universitätsstudiums anhält: Mehr oder weniger im Geheimen, hinsichtlich einiger Menschen in Margaux‘ und Peters Umfeld aber eindeutig in einem mit Entsetzen und Ratlosigkeit geduldeten Bereich. Spannend ist die Konsequenz, mit der die Autorin ihren Peter schildert – längst nicht nur als herzlichen, liebevollen Partner, der er in dieser Konstellation nie sein könnte, aber dennoch in keinster Hinsicht als einen Mann, der gemeinhin wohl nicht anders denn als „Kinderschänder“ (vor-)verurteilt werden würde. Faszinierend und abstoßend zugleich, will man diesen Text mit jeder gelesenen Seite gewisser weglegen – und bleibt ihm dennoch bis zum Ende ausgeliefert.

Mitch Albom – The Five People You Meet In Heaven
Als der alte Frank an seinem 83. Geburtstag beim Versuch, ein kleines Mädchen vor dem Unfalltod zu retten selbst stirbt, traut er seinen Augen kaum: Nur wenige Augenblicke später findet er sich in einer vollkommen neuen Welt wieder, einem völlig fremden Menschen gegenüberstehend. Ist er im Himmel? In der Hölle? In einem Zwischenreich? Vier weitere Personen folgen, mit deren Lebensgeschichten sich Frank genauso wie im ersten Fall auseinander setzen muss – und jede dieser Personen war in irgendeiner Weise mit Frank in Verbindung, selbst wenn sich die beiden Zeit ihres Lebens nie persönlich getroffen haben. Aber so ist das eben: Wer das ewige Glück nach dem Tod erlangen will, muss erst das verstehen, was er auf Erden sein Leben nannte – und dabei gilt es, sich mit den fünf Menschen auseinanderzusetzen, die jeder von uns nach dem Tod treffen wird: Eine wunderbare Ausgangsidee, die inhaltlich wie stilistisch manchmal an Donald Trumbos „Johnny Got His Gun“ erinnert, dabei jedoch nie ihre Eigenständigkeit verliert. Sollte dringend verfilmt werden… ach, das sollten sie alle!

Comments

comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.