Jahresabrechnung

Habt ihr eure Weihnachtseinkäufe auch noch (größtenteils) vor euch? Ich bin ja immer froh um gute Tipps aus dem Bereich der schönen Künste. Hier sind meine 2011er Favoriten, vulgo Jahres-Hitparade:

Platten

1. Ja, Panik – DMD KIU LIDT: Nachdem sich die Kritiken zu dieser Platte derart einig und vor Lob überstürzt zeigten, wagte ich den ersten kostenpflichtigen Download meines Lebens. Wenige Tage später kaufte ich das Album nach (Doppel-Vinyl in toller Aufmachung plus CD gibt’s zum Mega-Sparpreis). Beschreiben lässt sich das, was die Jungs machen, nur schwer. Der Sound schwirrt irgendwo zwischen Rock, Pop, Jazz und Blues herum, die Texte wechseln zwischen Deutsch und Englisch. Durchaus schräg, aber wahnsinnig eingängig und mit Tiefgang. Am besten selbst reinhören und begeistern lassen! Anspieltipps: Nevermind, Mr. Jones & Norma Desmond, Run For The Ones That Say I Love You, Trouble und natürlich DMD KIU LIDT

2. DevilDriver – Beast: Live ist diese Band eine Naturgewalt, und auf Platte halten die fünf Jungs das stets ganz gut fest. Beast bietet melodiöse, harte, ziemlich groovige Rock-Musik irgendwo zwischen klassischem Death-/Thrash-Metal und modernem Hardcore mit einzelnen New-Metal-Einsprengseln. Wer die Vorgänger-Alben mochte, sollte mit dem jüngsten Output mehr als zufrieden sein, und wird zumindest von Black Soul Choir, einem Cover der Band 16 Horsepower, ziemlich überrascht und schwer beeindruckt sein. Die Deluxe-Ausgabe bietet ein paar zusätzliche Song und eine Tour-Dokumentation sowie eine Reihe sehenswerter Videoclips: Obwohl ich viele Bonus-DVDs mit gutem Gewissen nicht einmal mehr in den Player einlege, war ich diesmal neugierig – und habe das gute Stück mit Begeisterung und extrem gut unterhalten von Anfang bis Ende durchgestanden. Anspieltipps: z.B. Shitlist, Hardened, Coldblooded. Up the Devils!!!

3. Machine Head – Unto The Locust: Diese Band hatte ich ab ca. 2001 abgeschrieben, als sie sich mit Supercharger – das bei weitem keine schlechte Platte war – zu stark an die New-Metal-Szene angebiedert hatten. Mir fehlte ab diesem Zeitpunkt die gefühlte Ehrlichkeit (und Erdigkeit), das den Machine-Head-Sound bis dahin ausgezeichnet hatte. Den Nachfolger habe ich dann ignoriert, was sich im Nachhinein als Fehler heraus stellte: Es war nicht nur ein Back to the Roots, das die Band mit Through The Ashes Of Empires hingelegt hatte, es war sogar ein deutlicher Schritt zurück hinter den modernen Metal, mit dem sie ab Mitte der 90er bekannt geworden waren. The Blackening stellte dann 2006 den bisherigen Höhepunkt dar, hinter den auch das aktuelle Album nicht mehr zurück fällt. Im Gegenteil: Alles, was bei The Blackening gut war, kommt hier noch besser rüber, melodischer und etwas mehr auf den Punkt gebracht. Ob sich der mitgelieferte „Making of“-Film anzuschauen lohnt, wird sich noch zeigen – irgendwann. Die drei Bonus-Tracks der Deluxe-CD-Version runden die mit sieben Tracks (nicht jedoch bezüglich der Spielzeit) recht kurz ausgefallenen Scheibe ganz wunderbar ab. Die Acoustic-Version von Darkness Within sollte alle Zweifler dieser Band überzeugen.

4. Metallica & Lou Reed – Lulu: Wer dieser Platte Melodie und Eingängigkeit abspricht, hat sie nicht gehört, mag Metallica und/oder Lou Reed sowieso nicht oder gleich beides. Der Einstieg mit Brandenburg Gate ist ein passabler, nicht untypischer Reed-Moment, der eben statt bluesrockigen mit metalesken Gitarren unterlegt ist, und bei dem auch Metallica-Sänger James Hetfield die Stimme erheben darf. Zugegeben, die erste Single The View ist verhältnismäßig starker Tobak, und das darauf folgende Pumping Blood braucht seine Zeit, um zu zünden. Aber wir haben es hier auch nicht mit einem normalen Rockprojekt zu tun, sondern mit einer Konzeptplatte, nämlich der Vertonung des titelgebenden Dramas von Frank Wedekind. Die Handlung, wenn man sie nicht schon kennt, wird man aus Reeds Texten vielleicht nicht unbedingt zur Gänze nachvollziehen können, aber Lyrics in der Rockmusik sind ohnehin überbewertet. Der Speed-Metal in Mistress Dread gefällt, und Iced Honey ist einfach nur ein Hammer-Song, den Metallica, wenn sie Reeds Stimme durch ein Paar Gitarren- und Bass-Soli ersetzt hätten, auch gut als Instrumental auf eines ihrer regulären Alben hätten packen können. Cheat On Me zeichnet sich durch eine besondere, ruhige Stimmung aus, und es dauert einige Zeit, bis Reeds junge Begleiter sich Rock’n’Roll-mäßig beteiligen dürfen – bei einem elfeinhalbminütigen Stück argumentierbar.
(Halbzeit.)
Der zweite Teil von Lulu ist übrigens erst der wirklich experimentelle, bei dem Lou Reed das Werkl noch mehr an sich zieht. Frustration zeichnet sich trotz coolem Riff durch eine gewisse Monotonie aus, und mit Little Dog folgt dann sozusagen der Ruhepol des Albums. Dragon baut sich, noch einmal die Elf-Minuten-Grenze sprengend, zu einem richtigen Rock-Monster auf, bevor das fast 20 Minuten dauernde (jedoch ein wirklich langes Outro beinhaltende) Junior Dad maßgeblich zum Gelingen des Lulu-Konzepts beiträgt: Mit dieser Songstruktur hätte Junior Dad auch in Metallicas Re-/Load-Phase gepasst – also Gegenstück zur Kollaboration mit Marianne Faithfull (The Memory Remains). Wer dieser Platte Melodie und Eingängigkeit abspricht, hat sie nicht gehört, mag Metallica und/oder Lou Reed sowieso nicht oder gleich beides. Mich hat Lulu dieser eigenwilligen Band Metallica noch ein Stückchen näher gebracht und das Tor zum doch recht sperrigen Werk Lou Reeds ein bisschen weiter geöffnet. Schönes Album!

5. dEUS – Keep You Close: Eine typische dEUS-Platte, gibt’s die? Man erkennt sie jedenfalls wieder, die belgische Band um Tom Barman, egal wie sie gerade klingen. Keep You Close klingt entspannter, melancholischer, dennoch rockiger, und auch etwas abwechslungsreicher als die (wirklich, wirklich gute) Vantage Point. Fans werden sie lieben, alle anderen sollten sie lieben lernen. Zum Beispiel wegen Ghosts.

Weitere Empfehlungen: Cavalera Conspiracy – Blunt Force Trauma (der Titel ist Programm, Brutalo-Thrash at it’s best), J Mascis – Several Shades Of Why (sehr schönes Akustik-Album, das sich aber nicht mit den großen Dinosaur Jr messen kann – und das auch nicht will), Eddie Vedder – Ukulele Songs (schön – nicht mehr und nicht weniger; ein vertretbarer Füller bis zur nächsten Pearl Jam-Platte), Red Hot Chili Peppers – I’m With You (teilweise eigenwillige, aber mehr als passable Neuausrichtung des zuletzt eher faden Peppers-Sound; ausführlicher habe ich Band und Platte hier besprochen), R.E.M. – Collapse Into Now (ein würdiges Abschiedsalbum dieser Ausnahmeband – möge das Kreuz der Reunion an ihr vorübergehen und uns Michael Stipe noch mit einigen Solo-Alben erfreuen; und hier geht’s zu meiner Kurz-Rezension aus dem Frühjahr), Primus – Green Naughahyde (Primus bleiben sie selbst: Ausnahmeband, Ausnahmesound, Ausnahmeplatte – macht irrsinnigen Spaß, diese besondere Musik zu hören; check out their new video!), Pearl Jam – Vs./Vitalogy (sehr schöne Neuauflagen dieser Pflichtalben – Vs. ist und bleibt wohl ihr allerbestes Stück), Smashing Pumpkins – Gish/Siamese Dream (siehe Pearl Jam: alter Wein in neuen Schläuchen, und das ist gut so!), The Bridge School Concerts – 25th Anniversary Edition (toller Doppel-CD-Sampler mit Live-Aufnahmen von Künstlern wie Bruce Springsteen, Dave Matthews Band, Neil Young, Sonic Youth, Pearl Jam [WAHNSINNS-Version von Better Man aus 2010!], Metallica, Norah Jones und The Who; einzig Thom Yorke spielt Partykiller mit einer wirklich entsetzlich grauenhaften Interpretation von Neil Youngs After The Gold Rush aus 2002).


FILME

Ich bin kein riesiger Film-Fan. Es gibt einige Kult-Filme, die auch ich mir ein zweites oder drittes Mal ansehe, und True Romance darf man sich auch 15+-mal reinziehen, aber eine ernsthafte DVD-Sammlung anzulegen würde mir kein Vergnügen bereiten. Deshalb nur drei Filme aus 2011, die ich guten Gewissens empfehlen möchte

1. Planet der Affen (Prevolution) – Toller Neustart dieser Science-Fiction-Serie, der v.a. Kennern der alten Filme aufgrund bereits vorhandener Hinweise auf nachfolgende Ereignisse verzücke Grinser ins Gesicht zu zaubern vermag. Aber allein John Lithgow in der Rolle eines Alzheimer-Kranken wäre zwei, drei Kinobesuche wert – berührend!

2. Wer ist Hanna? – Hab ich im Kino verpasst, vor einigen Tagen jedoch auf DVD genossen: Rasanter, unterhaltsamer und zum Nachdenken anregender Verfolgungs-Action-Thriller um einen ausgestiegenen Geheimagenten und dessen Tochter, die aufgrund einer erst gegen Ende klar werdenden Besonderheit gejagt wird. Eine Besonderheit stellt auch der herausragende Soundtrack dar, der durchgehend aus den Mischpult-Knöpfchen der Chemical Brothers gezaubert wurde. Top-Besetzung mit Eric Bana, Cate Blanchett und der Jung-Schauspielerin Saoirse Ronan.

3. Pearl Jam 20 – Regisseur Cameron Crowe hat sich durch zwei Jahrzehnte Archivmaterial gearbeitet und aktuelle Interviews mit den Band-Mitgliedern sowie Wegbegleitern und Bewunderern geführt. Ich gebe zu, den Film seit meinem Geburtstag herumliegen und noch keine Zeit ihn zu sehen gefunden zu haben. Aber Pearl Jam bekommen bei mir sowieso immer die volle Punktezahl. Ungeschaut 😉


BÜCHER

2011 war kein wirkliches Lesejahr für mich. Natürlich sind gerade Tätigkeiten im Journalismus (bis Juni) und in der PR (seit Juli) wahnsinnig leseintensiv – aber privat ging sich in den vergangenen 50 Wochen leider viel zu wenig Lesevergnügen aus. Dennoch ein paar Empfehlungen auf Basis der Lektüren, die ich – in erster Linie während des Urlaubs – geschafft habe:

1. Bret Easton Ellis – Lunar Park: Irgendwann in der Wühlkiste um drei, vier Euro abgestaubt, lag das Buch wohl schon wieder drei Jahre im Regal. Auf Zakynthos hatte ich den 500-Seiten-Schmöker dann in drei Tagen durch: Wahnsinn! Spannung und Witz en masse! Der Autor berichtet über sein (fiktives) Leben im Drogenrausch, aus dem er in den Versuch eines Familienlebens flüchtet – um schließlich in den eigenen vier Wänden gemeinsam mit seiner Familie gegen Monster zu kämpfen. Atemberaubend! Pflichtbuch für UnterhaltungsleserInnen!

2. Doris Knecht – Gruber geht: War ein Geburtstagsgeschenk, habe mir nicht viel erwartet – und sehr viel Lesevergnügen bekommen. Ein Buch über Krankheit und Liebe, das den Sinn des Lebens reflektiert, ans Herz und unter die Haut geht. Der bekannte Knecht-Kolumnen-Stil in eine neue Form gebracht: schönes Buch.

3. Franz Kabelka – Jemand anders: Über die schreiberischen Qualitäten meines Lieblings-Krimiautors Franz Kabelka habe ich mich früher bereits ausgelassen, eine Rezension dieses unterhaltsam-untypischen Ermittler-Romans gab es im Oktober. Bleibt somit auf eurer Weihnachtsliste 😉

4. David Kirkpatrick – Der Facebook-Effekt: Die Entstehungsgeschichte des bekanntesten und größten Social Networks (bis Frühjahr 2011), basierend auf Original-Interviews mit Mark Zuckerberg, dessen KollegInnen und vielen weiteren ExpertInnen – sei es von Google, Microsoft, Apple etc. Ein Buch, mit dem ich eine gewisse Facebook-Skepsis überwunden habe – und das zugleich mein bisher schon ausgeprägt hohes Bewusstsein der mit sozialen Netzwerken verbundenen Gefahren weiter geschärft hat. Liest sich teilweise wie ein Roman und stellt auch eine sehr gute Ergänzung zum „Facebook-Film“ The Social Network dar.

5. Daniel Domscheit-Berg – Inside Wikileaks: Hat mich eigentlich wenig interessiert, aber wenn man es schon als Rezensionsexemplar bekommt… Ein aufschlussreicher Einblick in die Gründungsgeschichte der Aufdecker-Plattform Wikleaks, bei dem leider durchgehend unklar bleibt, wie viel man überhaupt glauben darf. Domscheit-Berg hat sich ja v.a. als Wikileaks-Aussteiger und öffentlicher Streithansel einen Namen gemacht. Hier liefert er den Plot, den Tina Klopp, Redakteurin der Zeit Online, in eine ganz gut lesbare Form gebracht hat. Ein Beinahe-Ghostwriting, da ihr Name auf dem Buchumschlag vollkommen unterschlagen wurde. Der Aussteigerbericht macht Julian Assange, der mir bis dahin als Person relativ wurscht war, einigermaßen interessant, und Domscheit-Berg hatte damit seine 15 Minuten Ruhm.

Sodann: Frohen Weihnachtsrummel – Feedback wie immer willkommen!

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