Irgendwas mit Bürgerpflichten…

Entschuldigt die Wortwahl, aber manche Dinge muss man einfach beim Namen nennen: Wer in Österreich als junger Mensch, in der Regel männlich, zur „Stellung“ einberufen wird, darf sich darauf gefasst machen, eine Nacht und einen Tag lang als A****loch behandelt zu werden.

In meinem Fall, Sommer 1997 in Innsbruck, wurden meine Handvoll Begleiter und ich, beginnend von der Ankunft in der Kaserne ab ca. 17 Uhr bis zum nächsten Nachmittag, angeschrien, beleidigt, gegeneinander ausgespielt (naja, sie haben’s versucht…) und offensichtlich belogen. Einige „Kameraden“ entschieden sich in den ersten Minuten für den Zivildienst, einige weitere kamen bis Stellungsende dazu; wer nach dieser Erfahrung den Dienst an der Waffe wählte, war in der Tat selber schuld. Innsbruck habe ich seither gemieden, bei der Durchfahrt wird mir unwohl.

Manipulation und Lüge gab es auch im Zivildienst, den ich im Landeskrankenhaus Rankweil („Valduna“) von 5. Oktober 1998 bis 30. September 1999 absolviert habe. Pflegedirektor und Oberschwester machten kein Hehl daraus, dass die „Zivis“ als billige Hilfskräfte willkommen waren. Ganz anders die KollegInnen auf der Station (F1, Geriatrie für [mehrheitlich] Frauen): Ich fühlte mich von Anfang bis Ende allen Teammitgliedern gleichgestellt, ohne selbstverständlich dieselbe Verantwortung zu tragen.

Was habe ich in dem Jahr gelernt? Ja, auch fremde Hintern zu wischen, wenn die betreffende Person in die Verlegenheit kam, diese Hilfe zu benötigen. Scham und Ekel waren dabei nicht auf meiner Seite, und tatsächlich habe ich Jahre später erfahren, dass die Pflege eines 80 Jahre alten Hinterns keine unüberwindbar größere Hürde darstellt als die eines einen Tag alten Baby-Popscherls.

Darüber hinaus lernte ich die Krankheitsbilder der Schizophrenie, der manisch-depressiven Krankheit (MDK) und der (Alters-) Depression kennen, ganz zu schweigen von allen Merkmalen der viel zitierten Demenz sowie des altersbedingten körperlichen Verfalls des Menschen. Das war an manchen Tagen kaum erträglich, und hilfreich war dabei sicherlich ein Zitat Ingeborg Bachmanns, wonach die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei; natürlich stammt diese Feststellung aus einem anderen Zusammenhang, aber sie hat sich für meinen Zweck bewährt. Ich war froh, in jeder Hinsicht gesund zu sein, und schätze diese Tatsache nachhaltig.

Zwei Wochen Urlaubs-Luxus

In den zwölf Monaten Zivildienst gab es zwei Einschnitte: Im November, zwei Monate (!) nach Beginn, hatten wir eine zweiwöchige Einschulung samt Erste-Hilfe-Kurs, den man super für den Führerschein brauchen konnte. Irgendwas haben wir noch über Vorarlberg und Österreich und Bürgerpflichten durchgenommen, aber das hat echt keine Sau interessiert. Der zweite Einschnitt waren meine zwei Wochen Urlaub im Juli 1999 – in dem Alter (19) hält man das aus, heute wären zehn Monate durchgehend zu hackeln eine echte Burnout-Gefährdung für mich. (Als „freier“ Journalist mit eingeschränkten Arbeitsrechten war ich da wohl zeitweise recht nahe dran, das darf jetzt auch einmal gesagt sein.)
Am letzten Tag, nachdem ich mich vom Team der F1 verabschiedet habe und auf den Bus nach Hause ging, habe ich einige Tränen vergossen. Das Jahr war schwer ok.

Um zum Kern meines Anliegens zu kommen: Was in der laufenden Diskussion für und wider die Wehrpflicht – wie leid ich diese so regelmäßig zurück kehrende Debatte schon bin, fast so leid wie die sich seit zwölf Jahren verzögernde Einigung über eine ordentliche Studiengebührenlösung! – einmal mehr untergeht, ist die Frage der Gleichheit aller Wehrpflichtigen. Wir brauchen hier nicht darüber diskutieren, ob auch Frauen – wenn es schon einen geben muss! – diesem Pflichtdienst zugeteilt gehörten (ich meine: ja), aber doch darüber, wie unterschiedlich die Rahmenbedingungen für Zivis und Wehrdiener sind. Wir reden von neun Monaten Zivildienst gegen sechs Monate Wehrdienst; zu meiner Zeit waren es zwölf gegen acht (?) Monate, davor und dazwischen gab es noch weitere Lösungen. Nein: Wenn eine ehrliche Entscheidung zwischen Zivildienst und Bundesheer gewünscht ist, dann müssen Dauer und Entlohnung erhöht und letztere vereinheitlicht werden.

Und wenn eine ehrliche Entscheidung über das Für und Wider der Wehrpflicht gefällt werden soll, dann müssen Zivildienst und Katastrophenschutz aus der Diskussion genommen werden. Beides sind gesellschaftlich überaus notwendige Einrichtungen, aber beide basieren auf der Ausbeutung und dem moralischen Betrug junger Menschen.

Wenn wir Zivildiener in lebensrettenden Berufen wollen, dann müssen wir diese ihrer Verantwortung entsprechend entlohnen und dafür (befristete) ordentliche Dienstverhältnisse schaffen; aus meiner Beobachtung (hat sich seit 1999 viel geändert?) wurden Zivis beim Roten Kreuz und beim Samariterbund allerdings am liebsten an Feiertagen und Wochenenden sowie zum Autoputzen eingeteilt. Alles andere war schon Luxus. (Aber ich bin klug genug, hier nicht zu induzieren.) Wenn wir KatastrophenschützerInnen bzw. -helferInnen wollen, dann muss ein solcher Dienst finanziert werden.

Muss die Neutralität sein? 

Wenn wir Leute wollen – ob männlich oder weiblich –, die unser Land (oder EU-, NATO-, sonstige Verbündete) im Kriegsfall verteidigen, dann müssen diese ordentlich behandelt, aber vor allem auch ordentlich selektiert werden. Es darf keine reine Neonazi- und Chaoten-Truppe werden, und für altersbedingt ausscheidende SoldatInnen müssen berufliche Lösungen abseits der Frühpensionierung entwickelt werden – ein wichtiger Punkt, auf den Barbara Blaha in einem Gastkommentar im STANDARD hinweist. Wenn der Preis für eine sinnvolle Landesverteidigung die Aufgabe unserer Neutralität und der Eintritt in übernationale Bündnisse wäre, sollte auch darüber ehrlich diskutiert werden.

Wenn es tatsächlich zu einer (fairen?) Abstimmung über die Wehrpflicht kommt, werde ich gegen sie stimmen; wenn die Zivis dadurch wegfallen, wird unsere Gesellschaft eben mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Einsparungspotenzial gäbe es auch abseits der Familienbeihilfen, mit ein bisschen mehr Phantasie und Tatendrang als bei den letzten beiden Sparpaketen… Vielleicht kommt aber auch bald jemand darauf, die Studiengebühren mit diesem Thema zu verknüpfen, das wäre so richtig österreichisch.

Wenn es rechtlich die Möglichkeit gäbe (sieht schlecht aus!), einen Zivil- oder Sozialdienst für alle einzuführen – wie gesagt, auch diesen unter fairen Bedingungen –, wäre ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen dafür.

Die Stellung sollte übrigens im Falle der weiteren Wehrpflicht von der Vorladung beim Bundesheer entkoppelt werden – es geht um Aufklärung und die Überprüfung der Gesundheit. „Da draußen“ gibt es bessere ÄrztInnen und Ärzte als in den Kasernen; vor allem aber nettere. Denn jungen Menschen tut es nicht gut, als A****löcher behandelt zu werden. Selbst, wenn sie nachher „nur“ Zivildiener werden.

Weiters sollte das Aufschieben des Zivildienstes oder des Wehrdienstes aus Weiterbildungsgründen nicht mehr forciert werden, sprich: Nach der Matura bzw. nach Ende der Lehre oder einer allfälligen anderen während des Stellungsverfahren laufenden Ausbildung wird der Dienst absolviert. Für Berufstätige muss es einen (erweiterten) Kündigungsschutz ähnlich dem bei der Elternkarenz geben.

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Ein Gedanke zu “Irgendwas mit Bürgerpflichten…

  1. ich kenne das von der anderen seite, ich war beim heer. ich habe die gardeausbildung gemacht (brutal) und war dann kasernenwache, damals waren es noch die acht monate (das stimmt, da kannst du das fragezeichen rausnehmen). gleich vorweg: der sold war eine frechheit. als „wuggl“ (so wurden rekruten intern liebevoll genannt) bekam man rund 45 euro pro monat, als gefreiter knapp 100 – beförderungen gab es aber nicht für jeden und erst einen monat vor dem abrüsten.

    ich bin ein glühender vertreter der wehrpflicht, denn das schlimmste, was dem österreichischen militär passieren kann, ist ein berufsheer. jene berufssoldaten, die derzeit im heer unterwegs sind, besonders aber NICHT ausschliesslich in den chargen- und unteroffiziersrängen sind leider sehr durchmischt mit zivilen vollversagern und (tendeziellen) neonazis (ein leutnant meiner kaserne marschierte allmorgendlich mit deutscher reichskriegsflagge auf der bomberjacke in die kaserne, ein korporal erzählte in späten nächten als wachkommandant mit leuchtenden augen von der ss-uniform seines großvaters und übte auch gerne exerzieren mit sich selbst).

    es hat einen grund, warum man ein heer aus zivilisten in österreich etablierte, genau wie in deutschland: die vermeidung der bildung einer zu mächtig werdenden, militärischen clique, die ihre eigenen ideologischen vorstellungen durchsetzen kann. und bei der betrachtung des derzeitigen personals sollte man sich dieses motiv wieder vor augen führen.

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