Große Erwartungen

Ich gehöre ja zu den Menschen, die sich interessant klingende Filme, die auf einem (klassischen) Roman basieren, aufsparen, bis sie die Vorlage gelesen haben. Eine große Ausnahme ist wohl Moby Dick, dessen Verfilmung (mit Gregory Pack als Ahab) mich schon in meiner Kindheit beglückte – den Roman zähle ich mittlerweile zu den wichtigsten Büchern meiner Lesegeschichte. Gleichwohl erinnere ich mich an den Herbst 1989, als die Monats-TV-Zeitschrift der Raiba (sowas gab’s damals!) für Weihnachten die ORF-Ausstrahlung der Unendlichen Geschichte prophezeihte. Schwupps, schon hatte ich Klassenkameradin Marion gebeten, mir das entsprechende Buch zu leihen – womit freilich klar war, dass mich die Filmversion nicht mehr 100-prozentig zu begeistern wusste.

Enttäuschend, weil mäßig spannend, fand ich viele Jahre später die Max-Frisch-Verfilmung Homo Faber – bei dem Buch passiert wohl eindeutig zu viel im Kopf des Lesers, als dass sich der Stoff gewinnbringend auf der Leinwand umsetzen ließe. Katastrophal fand ich hingegen Der englische Patient. Obwohl der Film zig Oscars absahnte (was natürlich noch kein Qualitätsurteil darstellt) und mir ein Freund sagte, dass es einer seiner Lieblingsfilme sei, muss ich gestehen: Spannung und Unterhaltung hielten sich in Grenzen, trotz toller Besetzung „nicht sehenswert“. Die Romanvorlage war hingegen über weite Strecken sehr gut.

Ein weiteres Beispiel: Peter Høegs Fräulein Smilla, das ich wie den Patienten in der Ausgabe der Süddeutschen Bibliothek gelesen habe (in der sich abgesehen von einigen Klassikern, die ich eigentlich eh schon daheim hatte, auch nicht wenig Mist findet – ich kann allerdings nur von Band 1-50 sprechen). Smilla ist ein unglaublich tolles Buch. Die Charaktere, die Landschaften, die Stimmungen sind dermaßen lebendig beschrieben, dass man voll und ganz in den Stoff eintauchen kann. Irgendwann bekam ich die DVD in die Hand, im Abverkauf, und wurde wieder einmal enttäuscht. Natürlich, bei so einer Vorlage kann vieles schief gehen, aber dass der spannendste und wichtigste Handlungsstrang, der im Buch gut die Hälfte ausmacht (das Schiff!) auf ein knappes Zehntel eingekürzt wird, hat mich geradezu entsetzt. Auch hier macht die Top-Besetzung nichts wett.

Vielleicht noch eines: Into The Wild, der Dokuroman von Jon Krakauer, der vor drei Jahren von Sean Penn verfilmt worden ist: Im Kino hab ich den spannend erwarteten Film verpasst, später bekam ich das Buch ausgeliehen. Interessante, traurige Geschichte, wenngleich kein literarischer Ausnahmefall. Der Film dann: wunderschöne Bilder, die auch in allen Kritiken gelobt wurden, aber in seiner epischen Länge etwas zu viel. Was bleibt ist der wunderbare Soundtrack von Eddie Vedder, der wiederum etwas zu kurz ausfiel.

Nun, ich lerne nicht aus meinen Enttäuschungen und erwärme mich seit einiger Zeit an Henri Charrières Papillon, einem bekannten autobiografischen Gefängnisroman. Das Buch begleitet mich insofern schon ein Leben lang, als ich es seit frühesten Kindertagen – zumindest, seit ich lesen kann – jede Ferien aufs Neue bei Oma im Bücherregal sah. Unlängst war ich wieder auf Besuch und hab’s mir mitgenommen. Und, was soll ich sagen: packend! Die zweite Hälfte steht mir noch bevor, aber, unserem gebührenfinanzierten Staats-TV sei Dank, wartet das Filmwerk mit Steve McQueen und Dustin Hoffmann bereits auf Video. Ich bin gespannt!

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3 Gedanken zu “Große Erwartungen

  1. In der Tat überschlagen sich die Filmkritiken geradezu vor positiver Meldungen – aber wer kritisiert (damals) schon gerne McQueen? 🙂

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