3 Platten

Marilyn Manson – Born Villain
Wer den guten Brian Warner ob mangelnder musikalischer Abwechslung für einen Langeweiler hält, ihn deshalb vielleicht gar schon längst abgeschrieben hatte, der hat wohl nie richtig zugehört. Oder steht einfach grundsätzlich nicht auf die Industrial-Gothic-Mucke. Man kann Warners Kunstfigur Marilyn Manson vorwerfen, sich mit der neuen Platte zu wiederholen – oder sich freuen, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehrt, ohne die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte zu verleugnen. Mit „Mechanical Animals“ (1998) sowie „Eat Me, Drink Me“ (2007) hat er zwei Mal eine deutliche Veränderung bzw. Neuausrichtung seiner Musik unternommen – zwischen diesen beiden starken, den Gothic- und Glam-Aspekt seiner Musik betonenden Platten lag mit „Holy Wood“ (2000), mit dem er sich auf den verdienten Lorbeeren ausruhte, und dem eher anstrengenden und sich eine Spur zu sehr dem Mainstream anbiedernden „The Golden Age Of Grotesque“ (2003) eine Durststrecke. Das nachfolgende „The High End Of Low“ (2009) brachte solide auf den Punkt, was in den zehn Jahren davor geschehen war, ließ einen dann aber doch eher lieber die älteren Scheiben auflegen. „Born Villain“ darf man allein schon deshalb zu den gelungeren Manson-Alben zählen: Es ist einerseits beim ersten Durchlauf schon eingängig und bietet viele Ohrwürmer, andererseits klingt Manson erstmals seit „Antichrist Superstar“ (1996) wieder 90er-Jahre-mäßig abgefuckt („Children of Cain“, „Lay Down Your Goddamn Arms“, „Born Villain“) – und damit einfach ziemlich cool („The Gardener“). Ob das an der Rückkehr des Bassisten und geschätzten Songschreibers Twiggy Ramirez liegt, wie man vielfach liest, sei dahingestellt: Man hört die ersten Alben, man hört die alte Nine-Inch-Nails-Connection heraus, und man mag an manchen Stellen der Meinung sein, es könnte sich einfach nur um ein Best-of der bösen Buben um MM handeln. Der Gesamteindruck besagt: Marilyn Manson klang lange nicht so frisch wie 2012 – und das hat verdammt noch mal nichts mit dem Gastauftritt von Johnny Depp zu tun.

Paradise Lost – Tragic Idol
Keine langen Reden: Die neue Scheibe der britischen Gothic-Metaller reiht sich nahtlos in die Lieblinge der Fans und der Kritiker ein – „Shades Of God“ (1992), „Icon“ (1993), „Draconian Times“ (1995), „Tragic Idol“ (2012), das hätte in dieser Abfolge funktionieren können. Stattdessen setzten die Jungs ab 1997, mit dem entgegen der allgemeinen Meinung wirklich großartigen und zeitlosen „One Second“ auf zunehmend weichere (aber kaum je softe) Töne, näherten sich mit „Host“ (1999) und „Believe In Nothing“ (2001) auf höchstem musikalischen Niveau der Belanglosigkeit, um schließlich ab 2002 (das eingängige „Symbol Of Life“) wieder stetig in die entgegengesetzte Richtung zu traben: Mit „Paradise Lost“ (2005), „In Requiem“ (2007) und schließlich dem grandiosen „Faith Divides Us, Death Unites Us“ (2009) besann sich die Band teils auf ihre frühestens Wurzeln, und sponn zusehends die Death-Metal-Elemente von „Lost Paradise“ (1990) und dem einem ganzen Genre namengebenden „Gothic“ (1991) ein. Nun, endlich, kehren Paradise Lost auf den Metal-Olymp zurück, den sie mit nur wenigen Bands teilen müssen, die wie sie wirklich harte Rock-Musik mit eingängigen, schönen Melodien und beeindruckenden Vocals verbinden – eine Liga, in der Kaliber wie Metallica, Machine Head, Down und, auf ihre jeweils ganz eigene Weise, vielleicht noch DevilDriver und die Deftones spielen. Einen Eindruck davon mag euch „Honesty In Death“ geben.

R.E.M. – Songs For A Green World (Live)
Nach gut 30 Jahren, von denen ich genau 20 bewusst miterleben durfte, haben sich R.E.M. vergangenen Herbst aufgelöst – nach einer wirklich guten, alle Bandregister ziehenden, abschließenden  Platte nur wenige Monate davor. Selbstverständlich hagelt es seither Best-ofs und Live-Material – wobei es viel schlimmer sein könnte. Mit „Songs For A Green World“ liegt jedoch ein besonderes Live-Juwel vor: Es handelt sich dabei um die Radio-Übertragung einer kompletten Show, die am 30. April 1989 in der Orlando Arena in Florida über die Bühne ging. Die Band befand sich auf ihrem ersten Höhepunkt, und dennoch waren es noch zwei Jahre bis zum wirklichen internationalen Durchbruch, der 1991 mit dem Album „Out Of Time“ und der Single „Losing My Religion“ folgte. Trotzdem: „It’s The End Of The World As We Know It“ vom 87er-Album „Document“ – bis heute ihr bestes!!! – hatte die Band um den charismatischen, sensiblen Sänger Michael Stipe bereits bekannt gemacht. Umso erstaunlicher, dass mit dem zur Zeit des vorliegenden Mitschnitts aktuellen Folgealbum „Green“ eine, sowohl was das Songwriting als auch die Produktion betrifft, unterdurchschnittliche, teils schrecklich langweilige Platte veröffentlicht wurde: Wie dieser „Füller“ zwischen den großartigen Platten „Document“ und „Out Of Time“ zustande kam, bleibt mir ein Rätsel. Nichtsdestotrotz gewannen diese (und viele ältere) Songs, die auf der „Green“-Tour teils stark abgeändert präsentiert wurden, in der Live-Version unheimlich dazu: Es ist eine richtige Freude, diesem Live-Dokument zu lauschen, und nachdem mich R.E.M. 2003 und 2005 bei ihren Auftritten in Wien überraschend kalt ließen, und ich auch von den jüngeren Live-Platten alles andere als überzeugt bin, nehme ich dieses Ende 2011 veröffentlichte, und noch dazu, obgleich überall erhältlich, inoffizielle Bootleg als die ultimative R.E.M.-Live-Platte dankbar an.

Paradise Lost spielen am 22. Mai in Wien – Konzertbegleitung willkommen, E-Mail genügt 🙂

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